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Ministerstuhl und Lehrerpult

Lehrer, Eltern und Schüler wurden zu 25 Informations-Veranstaltungen in ganz NRW eingeladen.

Essen - „Ich bin so voll dieses Gesetzes“, schwärmt Schulministerin Barbara Sommer vor rund 350 Lehrern, Eltern und Schülern im Essener Unesco-Aufbaugymnasium. Es ist ein Gesetz, das ihre Handschrift trägt und vom Landtag verabschiedet wurde. Das neue Schulgesetz ist am 1. August in Kraft getreten, und die Schulministerin appelliert an die Zuhörer: „Das müssen wir jetzt gemeinsam umsetzen.“ In der Aula der Essener Unesco-Schule findet die erste von 25 landesweit geplanten Informationsveranstaltungen statt, auf denen die Ministerin Lehrern, Eltern und Schülern das neue Gesetz nahe bringen und erläutern möchte.

Mit dem Gesetz will die Ministerin verkrustete Strukturen an den Schulen aufbrechen und eines der schwierigsten landespolitischen Themen bei der Wurzel packen. Und Barbara Sommer hat dazugelernt. Denn anders als vor einem Jahr, als sie noch die Koalitionsvereinbarung („mein Gesetzgeber ist der Koalitionsvertrag“) als wichtigste Leitlinie ihres Handelns bezeichnete, kann sie sich jetzt bei der Erläuterung des Schulgesetzes auf eine Mehrheit im Landtag berufen.

Das Zitat stand ganz am Anfang der Karriere der 57 Jahre alten Ministerin. Der Unterschied zwischen politischen Vereinbarungen und Gesetzen war damals bei ihr offenbar noch nicht so ausgeprägt. Barbara Sommer, die 1971 als Lehrerin einer Sonderschule für Lernbehinderte in Saarbrücken ihre erste Erfahrungen sammelte, war bis zur Landtagswahl 2005 nie parteipolitisch ins Rampenlicht getreten. In knapp drei Jahrzehnten schaffte es die Mutter von fünf Kindern auf der Beförderungstreppe bis zur Schulamtsdirektorin in Ostwestfalen. 2005 kürte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers sie überraschend zur Ministerin. Seitdem versucht sie zielstrebig und unbeirrbar, das Bildungssystem zu modernisieren.

Im der halbabgedunkelten Aula reden fünf Spitzenbeamte des Schulministeriums beruhigend auf ihre Chefin ein. Barbara Sommer setzt sich ans Podium, umrahmt von ihrer, wie sie selbst sagt, „Hausspitze“. Eigentlich ist es ein Heimspiel - die Atmosphäre dürfte ihr bekannt sein. Lehrer, Eltern und Schüler sind ein vertrautes Publikum. Gewerkschafter sind zu der Informationsveranstaltung nicht eingeladen.

Ihren Platz im sicheren Umfeld ihrer Mitarbeiter am Podium will sie nicht verlassen. „Ich bleibe hier sitzen und robbe nicht ans Rednerpult“, sagt sie, als ein Hausmeister ihr Mikrofon einschaltet. Ein rotweißer Blumenstrauß schmückt ihren Platz. Wie vor einem Konzert räuspern sich die Gäste, dann legt Barbara Sommer mit ihrem Vortrag los. Stichworte erscheinen auf der Leinwand. Gestandene Oberstudiendirektoren, engagierte Elternpflegschaftsvorsitzende, Väter, Mütter und wenige Schüler lauschen der Ministerin. Es sind keine Neuigkeiten, die Barbara Sommer detailgenau erklärt. Die Zuhörer haben sich schon vor Wochen über den Gesetzestext informiert. Schließlich hatten Ministerpräsident und der Schulministerin vor den Ferien „Aufklärungsbriefe“ an die 200 403 Lehrer im Land verschickt.

Barbara Sommer ist auf dem Podium der Aula offenbar in ihrem Element. Sie spricht von „meinen Lehrern und lieben Kollegen“, wirbt um Vertrauen und beginnt mit einer Unterrichtsstunde in Sachen Schulgesetz. Allerdings unterbricht keine Klingel nach 45 Minuten die Lektion. Auf zwei Stunden ist die Informationsveranstaltung ausgelegt. Nach einer Stunde mahnt Ministerialdirektorin Karin Paulsmeyer, die den Auftritt ihrer Chefin moderiert, dass die Zeit davonrennt. Sommer erläutert gerade die „Kopfnoten“ für Schüler. Das Publikum hätte die Note „gut“ für Disziplin verdient, denn es zeigt sich geduldig, obwohl die Zeit für die Diskussion wegschmilzt. Sommer ist nicht zu bremsen, erzählt dabei auch einiges aus dem eigenen Leben. „Jeder weiß, dass ich auch sitzengeblieben bin“, sagt sie, als die Zahl von 60 000 Schülern beklagt, die nach dem letzten Schuljahr die Klasse wiederholen müssen.

Inzwischen wird es im Saal unruhiger. Die Schulministerin merkt, dass das Publikum Fragen stellen will. „Ich will die Diskussion“, beteuert Sommer - und liest dennoch unermüdlich weiter aus ihrem vorbereiteten Konzept vor - eine weitere halbe Stunde lang. Einige Zuhörer verlassen den Saal. „Das ist alles zu unkonkret und zu allgemein geblieben“, eine Schulpflegschaftsvorsitzende, die Schulen hätten für die Umstellung zu wenig Hilfestellung erhalten. Einige Schulleiter sind sich einig: „Die Ministerin bleibt im Allgemeinen.“ Sie hätten nichts dazugelernt, sagen sie.

Doch kritische Fragen wollen die meisten gar nicht stellen, obwohl fachkundige Auskunft garantiert wäre - Barbara Sommer überlässt die Antworten überwiegend ihren Spitzenbeamten, die „das aus dem Ärmel schütteln können“. Direkte Fragen an die Ministerin wollen viele Teilnehmer nicht stellen. Und eine Essener Hauptschullehrerin meint: „Ich glaube, die Hoffnung, eine interessante Antwort zu bekommen, war nicht vorhanden.“

 

http://www.ksta.de/jks/artikel.jsp?id=1156330329639 

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    Stand:  06.07.10

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