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SPIEGEL ONLINE - 21. September 2006, 13:43
URL: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,438392,00.html

Berliner Rede

Köhler verlangt freie Fahrt für Bildung

Seine Vorgänger hatten für ihre Grundsatzreden noch das vornehme Hotel Adlon gewählt, Bundespräsident Horst Köhler sprach in einer Berliner Hauptschule. Seine Diagnose: Deutschland hängt in Sachen Bildung zurück - und riskiert damit seine Zukunftsfähigkeit.

Berlin - Bundespräsident Horst Köhler hat größere Anstrengungen für die Bildung in Deutschland gefordert. "Gerade in Sachen Bildung müssen wir im Interesse aller viel ehrgeiziger sein", sagte Köhler heute in seiner "Berliner Rede". Bildungschancen seien Lebenschancen, die nicht von der Herkunft abhängen dürften. Es müsse auf das Ziel "Bildung für alle" hingearbeitet werden. Köhler betonte, der globale Wettbewerb sei längst "ein Wettbewerb der Bildungssysteme".

Köhler in der Kepler-Oberschule in Neukölln: "Wir müssen den Mut und die politische Kraft haben, anderes zugunsten der Bildung zurückzustellen"

 

Köhler in der Kepler-Oberschule in Neukölln:

"Wir müssen den Mut und die politische Kraft haben, anderes zugunsten der Bildung zurückzustellen"

 

 

Der Bundespräsident forderte dazu eine Erhöhung der Bildungsausgaben. "Wir müssen den Mut und die politische Kraft haben, anderes zugunsten der Bildung zurückzustellen", sagte Köhler. Das schlechte Abschneiden Deutschlands bei der internationalen Schulstudie Pisa habe genügend Anhaltspunkte dafür gegeben, "dass unser Bildungssystem sich nicht auf der Höhe der Zeit befindet." Die Verantwortlichen in den Ländern und im Bund hätten versprochen, die Defizite abzubauen. Für ihn sei es ein "zentraler Prüfstein für die Zukunftsfähigkeit unserer bundesstaatlichen Ordnung, ob ihr die Verbesserung unseres Bildungswesens gelingt."

Köhler sprach sich zudem für eine bessere frühkindliche Bildung aus, sie sei ein "Gebot der Chancengerechtigkeit". Gerade benachteiligte Kinder profitierten davon, wenn sie möglichst frühzeitig in den Kindertagesstätten gefördert würden. Dies gelte vor allem für den Umgang mit der deutschen Sprache. Das Staatsoberhaupt sprach sich für "ein verpflichtendes und möglichst kostenfreies letztes Kindergartenjahr" sowie für Sprachprüfungen vor der Schule aus.

Der Bundespräsident hatte sich als Ort seiner mit Spannung erwarteten Rede die Kepler-Oberschule im Berliner Problemstadtteil Neukölln ausgesucht - eine Hauptschule, in der jeder dritte Schüler aus einer Einwandererfamilie kommt. Die Bildungschancen für Ausländerkinder, so das Ergebnis zahlreicher Studien, sind in Deutschland schlechter als in anderen Industriestaaten. Eine im Frühjahr vorgestellte Detailauswertung der Pisa-Studie hatte ergeben, dass beispielsweise 15-jährige Migrantenkinder in ihren Mathematik-Leistungen drei Jahre hinter ihren deutschen Klassenkameraden zurückliegen.

Die wenige Kilometer vom Ort der Köhler-Rede entfernte Rütli-Schule war vor einem halben Jahr in die Schlagzeilen geraten, als sich das dortige Lehrerkollegium mit einem dramatischen Hilferuf an die Öffentlichkeit wandte: Ein geordneter Schulbetrieb sei nicht mehr möglich, die Gewalt unter den Schülern ufere aus.

Zu den Zuhörern der Köhler-Rede zählten unter anderem Bundesbildungsministerin Annette Schavan, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und zahlreiche Wirtschaftsvertreter. Rund 50 Schüler der Hauptschule durften bei der Rede des Bundespräsidenten dabei sein, weil sie sich beispielsweise als Konfliktschlichter oder im Schulsanitätsdienst engagieren.

In einer aktuellen Umfrage von Infratest dimap für die "Welt" wünschten sich mehr als 80 Prozent der Befragten, der Bundespräsident solle sich in aktuellen politischen Fragen stärker einmischen. Die Tradition der "Berliner Reden" hatte der damalige Bundespräsident Roman Herzog im Jahr 1997 begründet: Er hatte damals die Deutschen aufgefordert, einen "Ruck" durch das Land gehen zu lassen. Köhlers Amtsvorgänger Johannes Rau hatte in seinen "Berliner Reden" einmal im Jahr Stellung zu zentralen politischen Themen bezogen.

jaf/AFP/dpa/ddp


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