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Pressemeldung:

HANDELSBLATT, Freitag, 13. Oktober 2006, 10:38 Uhr

BA-Zahlen

Neue Studiengebühren treiben Abiturienten in die Lehre

Von Barbara Gillmann

Mit der Einführung von Studiengebühren erweisen die Bundesländer offenbar ihren Lehrstellenmärkten einen Bärendienst: Nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit (BA) steigt die Zahl der Lehrstellenbewerber mit Abitur oder Fachhochschulreife massiv an. Die Krise am Ausbildungsmarkt verschärft sich.

bag BERLIN. Die fünfte Million in der Geschichte der Sendung „Wer wird Millionär?“ holte diese Woche der 32-jährige Stefan Lang. Damit dürfte der schlacksige Darmstädter der derzeit berühmteste Studienabbrecher Deutschlands sein: Sein Lehramtsstudium hatte er aufgegeben, weil er Gebühren hätte zahlen müssen. Seine Entscheidung, stattdessen lieber eine Ausbildung als Aufzugsmonteur zu machen, steht für einen Trend: Wegen der neuen Studiengebühren interessieren sich wieder mehr Abiturienten für eine Lehrstelle.

Diese Entwicklung ist mitverantwortlich für einen Teil der Krise am Lehrstellenmarkt in diesem Herbst. Nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der Lehrstellenbewerber mit Abitur oder Fachhochschulreife gegenüber 2005 um gut neun Prozent auf 100 300 gestiegen. Besonders stark war dabei das Plus bei denen mit Fachhochschulreife.

Der Zusammenhang zu Studiengebühren ist nach Angaben der BA eindeutig: „Die Steigerungen ergaben sich zum größten Teil in den Ländern, die Gebühren eingeführt oder angekündigt haben“, sagte eine BA-Sprecherin dem Handelsblatt. Zum kommenden Wintersemester ist das Studium bereits in Bremen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen kostenpflichtig, sechs weitere Länder folgen.

Insgesamt hat die stark gestiegene Zahl der Bewerber dazu geführt, dass die Lage am Lehrstellenmarkt Ende September so schlecht war wie noch nie. Zu Beginn des Ausbildungsjahres waren noch fast 50 000 Jugendliche unvermittelt – das sind 9 000 mehr als im Vorjahr. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage stieg um gut 6 000 auf 34 100 – und damit etwas weniger stark als die Zahl der Bewerber, die um gut 22 000 auf 763 000 zunahm.

Positiv sind jedoch die Meldungen der Kammern, wonach die Betriebe deutlich mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen haben als im Vorjahr. Industrie und Handel meldeten ein Plus von vier Prozent, das Handwerk von 1,6 Prozent. Zusammengeführt werden die Zahlen von BA und Kammern erst im nächsten Jahr.

SPD-Fraktionschef Peter Struck forderte die Unternehmen dennoch auf, mehr Azubis einzustellen. „Ihr könnt mehr ausbilden“, sagte er der „Neuen Presse“. Forderungen der Gewerkschaften nach einer Abgabe jedoch machten keinen Sinn, weil die Union nicht mitmache. Die Partner des Ausbildungspaktes – Wirtschaft, Bund und BA – setzen nun auf die Nachvermittlung bis Jahresende. Dabei wollen sie sich vor allem um Migranten kümmern. Die BA finanziert für diese Gruppe 5 000 zusätzliche überbetriebliche Plätze. Vor allem das Handwerk will ausländische Unternehmer in den eigenen Reihen für die Ausbildung motivieren, sagte ZDH-Präsident Otto Kentzler dem Handelsblatt. Schon heute lernen 36 Prozent der ausländischen Lehrlinge einen Handwerksberuf.

DIHK-Chef Ludwig Georg Braun sagte, es gebe „mehr betriebliche Angebote als unvermittelte Jugendliche“. Dazu hatte er die 15 000 offenen Lehrstellen und die bis zu 40 000 neuen „Einstiegsqualifizierungen“ zusammengezählt. Diese vom Bund geförderten Praktika sollen schwächeren Schulabgängern eine Chance geben – bislang wird danach jeder Zweite übernommen.

 

Trübe Zeiten am Lehrstellenmarkt

Weniger Verträge: Seit 1999 ist die Zahl der neuen Ausbildungsverträge nach BA-Angaben Jahr für Jahr zurückgegangen: Von 631 000 auf 550 000 im Jahr 2005 - mit einem kurzen Zwischen hoch 2004.

Mehr Bewerber: Die Zahl der Bewerber ist stetig auf 763 000 Ende September 2006 gestiegen – 2002 waren es noch rund 50 000 weniger. Das liegt vor allem an den Altbewerbern, die es erneut versuchen.

Weniger Angebot: Das bei der BA registrierte Angebot geht stetig zurück: von 586 000 im Jahr 2002 auf zuletzt 460 000. Zum kleineren Teil liegt das daran, dass Betriebe Plätze nicht mehr melden.

 

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