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SPIEGEL ONLINE - 14. November 2006, 18:08
URL: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,448433,00.html

RÜFFEL AUS BRÜSSEL

EU moniert frühe deutsche Schüler-Auslese

Dass deutsche Schüler schon nach der vierten Klasse auf drei Schularten verteilt werden, halten die EU-Bildungsminister für bedenklich: Frühe Auswahl untergrabe die Chancengleichheit. Doch Deutschland will sich beim Schulsystem nichts vorschreiben lassen.

Brüssel - Deutschland gerät in Europa wegen der frühen Auslese in seinem dreigeteilten Schulsystem unter Druck. Die Bildungsminister der 25 EU-Staaten verabschiedeten am Dienstag in Brüssel ein Ratspapier, das auf negative Auswirkungen solcher Auswahlverfahren hinweist. Nur mit Mühe hatten Deutschland und Österreich im Ministerrat noch schärfere Kritik verhindert, berichteten Sitzungsteilnehmer.

 

Viertklässler mit Zeugnissen: Zu früh sortiert?
DPA

Viertklässler mit Zeugnissen: Zu früh sortiert?

Die Schlussfolgerungen des Rates stützen sich auf wissenschaftliche Untersuchungen, wonach eine Verteilung der Schüler in zu jungem Alter auf verschiedene Schulformen vor allem die Ergebnisse benachteiligter Kinder verschlechtern kann. "Niemand sagt, es ist positiv", sagte EU-Bildungskommissar Jan Figel. Er verwies auf zwölf anerkannte Forscher sowie die internationalen Organisationen OECD und Unesco. Deren Studien zufolge hätten frühe Auswahlverfahren entweder negative oder bestenfalls neutrale Folgen für Effizienz und Gerechtigkeit in der Bildung.

 

"Für benachteiligte Kinder ist der Zusammenhalt besonders wichtig", sagte der Ratsvorsitzende und finnische Bildungsminister Antti Kalliomäki. "Finnland hält das für eine sehr wichtige Frage." Die finnischen Schüler erreichten in den internationalen Pisa-Vergleichen stets einen Spitzenplatz. Der Minister betonte, Effizienz und Gerechtigkeit müssten sich im Bildungswesen ergänzen: Das eine dürfe nicht auf Kosten des anderen gehen. "Mit Deutschland haben wir eine sehr grundlegende Diskussion geführt über beide Gesichtspunkte", sagte der Ratsvorsitzende.

Zu viele Nieten beim Schüler-Lotto

Deutschland und Österreich machten im Rat geltend, dass Bildungsfragen in die nationale Zuständigkeit fielen. Sie sind nach einer Aufstellung der EU-Kommission zusammen mit Luxemburg und den Niederlanden die einzigen EU-Länder, die Schüler frühzeitig auf verschiedene Schulformen verteilen. "Natürlich muss auch die Möglichkeit bestehen, eigene Systeme zu entwickeln", räumte Kalliomäki ein. Der Rat habe eine entsprechende Formulierung in seine Schlussfolgerungen eingefügt.

Auch die deutsche Iglu-Grundschulstudie rügte bereits mehrfach die frühe Auslese und die rigide Dreigliedrigkeit des deutschen Schulsystems. In nahezu der Hälfte aller Fälle werden demnach die Weichen für Gymnasium, Real- und Hauptschule falsch gestellt - einen "bildungspolitischen Skandal" nannte Iglu-Forscher Wilfried Bos dieses Schüler-Lotto, weil viel zu häufig nach sozialer Herkunft statt nach Leistung entschieden werde. Zudem sei das deutsche Schulsystem wenig durchlässig und erlaube später kaum noch einen Wechsel von Haupt- oder Realschulen aufs Gymnasium.

Nach dem Pisa-Fiasko waren in Deutschland mehrfach Debatten über den Sinn der frühen Aufteilung der Schüler entbrannt. Bildungsforscher forderten, alle Schüler länger gemeinsam zu unterrichten, versuchten zugleich aber, einen neuen Gesamtschul-Streit zu vermeiden. In den siebziger Jahren hatte die Einrichtung von Gesamtschulen in mehreren Bundesländern zu einem regelrechten Kulturkampf unter Eltern und Bildungspolitikern geführt. Inzwischen gibt es wieder zaghafte Initiativen, die Schüler nicht so früh zu trennen: Schleswig- Holstein plant die Einrichtung von "Gemeinschaftsschule", auch Berlin will diese neue Schulform verankern - in beiden Ländern aber auf freiwilliger Basis und unter strikter Vermeidung des Begriffs "Gesamtschulen". Auch viele Lehrer halten einer GEW-Umfrage zufolge nur vier gemeinsame Jahre in der Grundschule für zu wenig.

cpa/jol/dpa



 
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