1. Bildungspolitisches Symposium NRW
Vortrag Andreas Schleicher,
OECD
Einleitung
Herr Ministerpräsident Rüttgers, Frau
Ministerin Sommer, meine Damen und Herren,
Das Stichwort individuelle Förderung ist
heute in aller Munde, nicht nur auf diesem Kongress sondern überall auf der
Welt. Man könnte ja sagen, dass "individuelles Fördern" fast schon eine
Tautologie ist, wenn man von Fördern spricht, sollte es doch eigentlich
selbstverständlich sein, dass wir den verschiedenen Interessen, Fähigkeiten
und sozialen Kontexten der Schüler Rechnung tragen.
Und doch ist die tagtägliche Arbeit in den
Schulen noch so unendlich weit von dem Ziel individueller Förderung entfernt.
Wir versuchen die Schüler des 21. Jahrhunderts zu unterrichten, durch Lehrer die
im 20. Jahrhundert ausgebildet, doch seit ihrer Erstausbildung oft im
Klassenzimmer allein gelassen wurden, und die in einem Schulsystem und einer
Arbeitsumgebung arbeiten, die im wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert stammt:
-
Ein Schulsystem,
das nicht für optimales Lernen geschaffen wurde, sondern dafür verlässlichem
Output zu erzielen.
-
Ein Schulsystem,
für das der Zugang zu weiterem Lernen nicht für alle Schüler und zu jeder
Zeit offen stand, sondern dessen Ziel darin bestand, relativ kostengünstig
für eine ausreichende Zahl junger Menschen entscheidendes Basiswissen bereit
zu stellen.
-
Ein Schulsystem,
dass nicht in erster Linie auf vertieftes Verständnis und die Motivation und
Begeisterung für lebensbegleitendes Lernen abzielte, sondern darauf, junge
Menschen auf die Werte und Arbeitsformen der Industriegesellschaft
vorzubereiten.
Aber genau das funktioniert heute nicht
mehr, denn die globale Wissenschaft stellt andere Anforderungen an Schüler,
Lehrer und Schulen:
-
In der
Industriegesellschaft waren Märkte stabil, der Wettbewerb national
ausgerichtet, und Organisationsformen hierarchisch. In der
Wissensgesellschaft sind Märkte dynamisch, der Wettbewerb global und
Organisationsformen vernetzt.
-
In der
Industriegesellschaft basierten Wachstumsimpulse auf Mechanisierung und
Wettbewerbsvorteile auf "economies of scale". Heute kommen Wachstumsimpulse
aus Digitalisierung und Miniaturisierung und Wettbewerbsvorteile beruhen auf
Innovation und Zeitnähe.
-
In der
Industriegesellschaft war das Firmenmodell der Einzelbetrieb, heute sind es
flexible Allianzen der Mitbewerber; in der Industriegesellschaft war
Vollbeschäftigung das politische Ziel, heute ist es „employability“,
Menschen dazu zu befähigen ihren eigenen Horizont in einer sich ständig
verändernden Arbeitswelt zu erweitern.
-
In der
Industriegesellschaft hatten Berufsprofile eine klare Identität im
berufsspezifischen Kontext und formale Qualifikationen waren der Schlüssel
zum Erfolg. Heute sind Konvergenz, Transformation und lebensbegleitendes
Lernen die entscheidenden Voraussetzungen.
Warum ist das Konzept der individuellen
Förderung hier zum zentralen Schlüssel geworden?
m Wesentlichen deshalb, weil es auf die
Reproduktion von Routinewissen und Algorithmen, die man Schülern leicht im
Gleichschritt vermitteln kann, in der modernen Wissensgesellschaft immer weniger
ankommt. Klar ist, dass Dinge die man leicht in handliche Bausteine zerlegen und
algorithmisieren kann, sich auch leicht testen und unterrichten lassen. Nur
entwickeln wir damit zumeist Kompetenzen, die sich heute digitalisieren,
automatisieren und outsourcen lassen, und jungen Menschen damit immer weniger
helfen die globale Wissensgesellschaft mit zu gestalten. Außerdem nutzen wir das
Potenzial junger Menschen nicht ausreichend, wenn wir alle mit den gleichen
Methoden fördern und außer Acht lassen, dass gewöhnliche Schüler
außergewöhnliche Fähigkeiten haben, die es individuell zu finden und fördern
gilt.
Die zentrale Rolle individueller Förderung
ist erkannt. Wie aber können wir sie im Unterrichtsalltag realisieren? Es gibt
ja bereits viele Pädagogen und Schulen, die individuelle Förderung in ihrer
täglichen Praxis in herausragender Weise verwirklichen, einige von diesen haben
Ministerpräsident Rüttgers und Ministerin Sommer heute vorgestellt. Überhaupt,
seit Jahrhunderten ist Deutschland Exportweltmeister in Sachen Pädagogik und
didaktischer Theorien. Aber wir müssen uns irgendwann fragen, warum diese
Konzepte in Ländern wie Finnland, Japan oder Kanada systemisch zum Tragen
kommen, in Deutschland aber weitgehend auf Einzelinitiativen beschränkt bleiben.
Wenn wir auf die Gesamtleistung in Deutschland schauen, sehen wir eben immer nur
PISA, es gelingt in Deutschland noch nicht, gute Praxis individueller Förderung
systemisch zu verankern. Weniger als die Hälfte der 15-Jährigen in Deutschland
glauben, dass ihr Lehrer sich wirklich für den Lernfortschritt jeden Schülers
interessiert, im OECD Mittel sind das 60% und in Schweden 70%. Nur 60% der
deutschen Schüler glauben dass der Lehrer den Schülern hilft wenn sie Hilfe
brauchen, in Kanada oder Finnland sind das um die 80%.
Erwarten Sie von mir für die Lösung dieser
Probleme keine Patentrezepte, aber ein Blick auf die Erfahrungen erfolgreicher
Bildungssysteme zeigen einige zentrale Elemente erfolgreicher individueller
Förderung auf. Dazu zählen:
-
Erstens, die
fortwährende Diagnose und Bewertung des individuellen Lernbedarfs eines
Schülers, aber, und dass ist wichtig, in einer Form die innerhalb
universeller Bildungsziele objektivierbar ist.
-
Zweitens, die
Förderung der Fähigkeit und Motivation jedes einzelnen Schülers, durch Lehr-
und Lernformen die nicht defizitär angelegt sind, und den Schüler damit
ständig vor Misserfolge stellen, sondern die wirklich auf den einzelnen
Schüler zugeschnitten sind. Individuelle Förderung ist nicht lediglich eine
Unterrichtsmethodik, sondern die Vorraussetzung um Schülern die Fähigkeit
und Motivation mit auf den Weg zu geben, lebensbegleitend weiter zu lernen
und ihren Horizont beständig auszuweiten, und damit die Basis für die
Wissensgesellschaft zu schaffen.
-
Drittens, die
individuelle Gestaltung von Lehrplänen, in einer Weise die jeden Schülern
einbezieht und die die Verschiedenheit in den Fähigkeiten, Interessen und
Kontexten der Schüler nicht als Problem sondern als Potenzial guten
Unterrichts sieht.
-
Viertens, erfordert
individuelle Förderung radikales Umdenken in der Organisation von Schule, in
einer Art und Weise die den individuellen Lernfortschritt in den Mittelpunkt
stellt, und in der Schulen Verantwortung für den Lernerfolg übernehmen
anstatt Schwierigkeiten auf Schulformen mit geringeren
Leistungsanforderungen abzuwälzen.
-
Und fünftens,
unterstützt das Umfeld der Schule in den erfolgreichen Staaten - ob das
jetzt Eltern, Kindergärten, die Jugendhilfe oder sonstige kommunale
Einrichtungen sind - die Schule in ihren Anstrengungen, anstatt
konkurrierende Angebote aufzubauen.
Lassen Sie mich auf diese fünf Punkte näher
eingehen.
1. Individuelle Fähigkeiten
erkennen und im Rahmen objektivierbarer Standards fördern
Erstens, das am weitesten verbreitete
Missverständnis des Konzeptes individueller Förderung ist, es so zu
interpretieren dass jeder Schüler einfach nach eigenem Gusto so vor sich hin
lernen soll, dass man nationale Bildungsziele aufgibt, das man Schüler
frühzeitig "begabungsgerecht" auf verschiedene Bildungswege festlegt, und so
weiter. Klar ist, es reicht nicht zu glauben, nur weil wir gute Intentionen
haben, werden auch die Resultate schon stimmen.
Ein individuelles Lernangebot erfordert
zuallererst das wir die Stärken und Schwächen eines Schülers wirklich kennen.
Fortlaufende Diagnostik, im angelsächsischen Sprachgebrauch "assessment for
learning" und der ständige Dialog zwischen Schüler und Lehrer sind die
Grundvoraussetzung um Schülern strukturierte Rückmeldungen zu geben, um
individuelle Lernpfade festzulegen, und um Unterrichtsplanung auf die
individuellen Anforderungen der Schüler auszurichten.
Richtig verstanden bezieht sich
Individualisierung also nicht auf die Bildungsziele für die Schüler, sondern
darauf, wie wir unterschiedliche Lernwege und Lernmethoden einsetzen können, die
jeden Schüler im Rahmen objektivierbarer universeller Standards bestmöglich
fördern, und wie wir dazu geeignete Praxis institutionalisieren, um sie für alle
Schüler in verlässlicher Weise zu realisieren.
Die erfolgreichen Bildungssysteme in den
OECD Staaten haben dazu ausnahmslos klare und universell verbindliche
Bildungsziele und Bildungsstandards. In den erfolgreichen Bildungssystemen
nutzt man diese Bildungsstandards um Maßstäbe für den Erfolg von Bildung
schaffen; Transparenz durch neutrale und regelmäßige Berichterstattung zu
fördern; sowie um positive Signale für Schüler und Eltern zu setzen und Wege
aufzuzeigen, wie Schüler ihre eigenen Stärken und Schwächen erkennen können und
besser verstehen, auf welche Fähigkeiten es ankommt. Es geht auch darum, Lehrern
ein Referenzsystem für professionelles Handeln zu bieten; d.h. Instrumente
schaffen um mit Heterogenität von Lernprozessen und Lernergebnissen konstruktiv
umzugehen und Lernpfade individuell aber objektivierbar zu begleiten.
Viele OECD-Staaten sind noch einen Schritt
weiter gegangen, sie definieren Ziele nicht allein auf einer hohen
Abstraktionsebene durch die Festlegung allgemeiner Wertvorstellungen, sondern
sie benennen Kompetenzen innerhalb der verschiedenen Lernbereiche, welche die
Schulen ihren Schülern vermitteln müssen, damit zentrale Bildungsziele erreicht
werden. Diese Anforderungen werden dann systematisch in Kompetenzmodellen
geordnet, die Aspekte, Abstufungen und Entwicklungsverläufe von Kompetenzen
darstellen und die verschiedenen Sichtweisen aus Pädagogik, Psychologie und
Fachdidaktik integrieren. Gute Bildungsstandards können dazu beitragen, dass
solche Festlegungen nicht willkürlich sondern transparent und nach
wissenschaftlichen und professionellen Maßstäben überprüfbar sind.
Schließlich definieren einige OECD-Staaten
Bildungsstandards nicht lediglich als Maßstäbe für Bildungserfolg, sondern legen
außerdem performance benchmarks fest, die Schüler an bestimmten Abschnitten
ihres Bildungsweges erreicht haben müssen. Wie man das am Besten macht, darüber
gibt es unterschiedliche Ansichten. England, z.B. legt die Leistung am Ende
jedes „key stage“ fest. Finnland definiert Benchmarks die Spitzenleistungen
definieren, sowie Mindeststandards die jeder Schüler erreicht haben sollte.
Frankreich verwendet Standards weit gehend als Regelstandards, d.h. die Leistung
der Schüler wird an der durchschnittlichen Leistung aller Schüler gemessen.
Dabei glaube ich allerdings, dass dies die schlechteste aller Möglichkeiten ist,
da sie einen defizitären Ansatz verfolgt, einen Ansatz der Schüler primär daran
misst, was sie im Vergleich zu der im vorab festgelegten Norm des
Durchschnittsschülers nicht können. Die für die Stützung leistungsschwächerer
Schüler entscheidende Frage, was diese wissen und können müssen, um erfolgreich
zu sein, lässt sich mit solchen Regelstandards nicht beantworten.
Ebenso wenig halte ich die Reduktion von
Bildungsstandards auf Mindeststandards für wünschenswert. Solche
Mindeststandards wirken sich oft regressiv aus – sie bieten weder Anreize für
gute Schüler und Schulen, besser zu werden noch sprechen sie
leistungsschwächere Schüler und Schulen an. Für ein entscheidendes Merkmal
guter Bildungsstandards halte ich dagegen, dass sie Maßstäbe für Bildungserfolg
bieten, die jeden Schüler dort abholen, wo er ist, und zur individuellen
Förderung genutzt werden - mit aufeinander aufbauenden Kompetenzstufen die auf
kumulatives, systematisch vernetztes Lernen abzielen, sowie Lernentwicklungen
verstehbar machen und weitere Abstufungen und Profilbildungen ermöglichen.
Wichtig ist, es geht bei richtig
verstandenen Bildungsstandards nicht um die Normierung von Schülerleistungen,
sondern darum, Maßstäbe für den Erfolg von Bildung zu schaffen. Richtig
verstandene Bildungsstandards bedeuten auch nicht Gleichmacherei sondern sind
geradezu Voraussetzung für den individuellen Umgang mit Vielfalt. Als Deutsche
denken wir bei der Bewertung von Lernfortschritten ja sofort an Klassenarbeiten
und Zensuren, die wir meist zur Kontrolle einsetzen, etwa um Leistungen zu
zertifizieren und den Zugang zu weiterer Bildung zu rationieren. Was die
erfolgreichen Bildungssysteme aber auszeichnet, das sind motivierende
Leistungsrückmeldungen, die Vertrauen in Lernergebnisse schaffen, mit denen
Lernpfade und Lernstrategien individuell entwickelt und begleitet werden können.
In Schweden z.B. bekommt der Schüler am Ende des Schuljahres nicht einfach eine
Zeugnisnote, sondern der Lehrer setzt sich mit dem Schüler und dessen Eltern
zusammen um anhand objektiver Leistungsergebnisse zu überlegen wie weitere
Verbesserungen individuell erzielt werden können. Und dabei gilt eine
Grundregel: Es beklagt sich bei diesen Gesprächen niemand über die Arbeit des
anderen, sondern Schüler, Eltern und Lehrer sind gefordert, ihren eigenen
Beitrag zur Verbesserung der Bildungsleistungen darzulegen. Die daraus
resultierende verbindliche Vereinbarung ist dann das Zeugnis.
Die große Herausforderung hierbei ist
natürlich immer, wie man Flexibilität in den Lernwegen mit Verantwortung auf
der Seite der Bildungsanbieter verbinden kann. Flexibilität ohne Verantwortung
führt ganz schnell zur Herabsetzung der Leistungsanforderungen. David
Milliband, der ehemalige Bildungsminister Englands, hat hierfür das Wort
"intelligent accountability" geprägt, ein Konzept das Verbesserung fördert und
gleichzeitig intolerant gegenüber Fehlleistungen ist. Damit ist die
Bildungspolitik auch gefordert für die fragmentierte Stimme aller
Bildungsteilnehmer zu sprechen, und nicht zu akzeptieren dass, um nur ein
Beispiel zu nennen, dass Schüler mit Migrationshintergrund fast automatisch in
Schulen und Schulformen mit geringeren Leistungsanforderungen landen. Ebenso ist
sie gefordert durch verlässliche Informationen das Vertrauen der Lehrer und
Eltern zu stärken, Freiräume für Schulen zu schaffen um Bildungsziele kreativ
umzusetzen, gleichzeitig aber auch dort gezielt zu unterstützen, wo der Erfolg
noch ausbleibt.
2.
Gewöhnliche Schüler haben außergewöhnliche Fähigkeiten
Kommen wir zu Punkt 2, die Förderung der
Fähigkeit und Motivation jedes einzelnen Schülers den eigenen Horizont beständig
auszubauen, durch Lehr- und Lernformen die nicht defizitär angelegt sind, und
den Schüler damit ständig vor Misserfolge stellen, sondern die wirklich auf den
einzelnen Schüler zugeschnitten sind.
Das erfordert zunächst
Unterrichtsstrategien, die an die Schüler hohe Erwartungen stellen, die die
Schüler in Lernprozesse einbinden, die Lehrer und anderes Personal kreativ und
flexibel einsetzen, und die neue Technologien besser nutzen um verschiedene
Lernwege und Lernstiele individuell zu unterstützen. PISA zeigt uns klar, dass
Schüler und Schulen, die in einem Umfeld positiver Leistungserwartung arbeiten
und deren Schulklima von Lernfreude und Anstrengungsbereitschaft gekennzeichnet
ist, bessere Leistungen erreichen. Es geht hier dabei nicht darum irgendwelche
„Lerntypen“ festzulegen, sondern darum, das von Howard Gardner so faszinierend
beschriebene Konzept der Multiplen Intelligenzen durch ein breites Repertoire an
Unterrichtsstrategien und Unterrichtsmethoden wirksam zu nutzen.
Hierzu gehört selbstverständlich, Sorge zu
tragen das wir das Potenzial von Schülern aus sozial schwierigerem Umfeld zur
Geltung bringen. Dazu reicht es nicht, überall gleichförmige Lernbedingungen zu
schaffen sondern es gilt umgekehrt sicherzustellen, dass Lernbedingungen so
flexibilisiert werden, dass Lernerfolg nicht länger vom sozialen Kontext
abhängt. Der größte Fehler den wir hier machen können ist zu glauben, das
gewöhnliche Schüler keine außergewöhnlichen Fähigkeiten haben können. Genau hier
muss auch die Förderung in sozial benachteiligten Gebieten ansetzen, denn es ist
ja nicht das Potenzial junger Menschen an den sozialen Hintergrund gekoppelt,
sondern die Unterstützung und Rahmenbedingungen die Schüler aus benachteiligten
Schichten in Deutschland vorfinden um ihr Potenzial zu nutzen, ganz egal ob in
der Schule oder zu Hause. Ebenso gilt es natürlich das typisch deutsche Phänomen
zu überwinden, das den Schülern außergewöhnlicher Erfolg in der Schule peinlich
ist und das dieser Erfolg nicht entsprechend anerkannt und gefördert wird, weil
er eben an der anderen Seite des Leistungsspektrums aus dem Raster fällt.
3. Von
einem Lehrplan für alle zu einem Lehrplan für jeden
Bei Punkt 3 geht es um die individuelle
Gestaltung von Lehrplänen, in einer Weise die jeden Schülern einbezieht und
respektiert. Hier geht es darum, dass jeder Schüler den für ihn oder sie
relevanten Zugang zu Lerninhalten und Lernmethoden bekommt, um universelle
Bildungsziele zu erreichen.
Schauen wir doch hier einmal auf einige
Parallelen zwischen der modernen Arbeits- und Schulwelt. Die fortlaufende
Automatisierung von Routinearbeit hat dazu geführt dass Arbeit, die man
vorwiegend in Form von geleisteten Arbeitsstunden misst abnimmt, während Arbeit
die durch Inhalte, Zielvorgaben und deadlines definiert wird an Bedeutung
gewinnt. Das Kopenhagener Institut für Zukunftsforschung hat hierfür den
Ausdruck „hard fun“ geprägt. Arbeit macht heute mehr Spaß, weil die Aufgaben
interessanter werden. Aber sie stellt auch höhere Anforderungen, weil
Zielvorgaben und deadlines zu Stress führen und weil es keine natürlichen limits
mehr gibt, außer den deadlines natürlich, denn man kann ja alles immer noch
besser machen. Außerdem ist der Einzelne zunehmend verantwortlich für das
Ergebnis sowie für das Zeitmanagement.
Genau dass müssten Schüler auch im täglichen
Unterrichtsgeschehen erleben, aber wir arbeiten hier noch oft mit den
Denkschemata der Industriegesellschaft: Wir messen die Arbeit in der Schule in
Form von Unterrichtsstunden, Altersjahrgängen, Stundentafeln, Klassengrößen und
Abschlüssen. Noch einmal, unser Schulsystem wurde im neunzehnten Jahrhundert
konzipiert, und seit dem hat sich die Welt grundlegend verändert. Sie ist heute
eine globale Plattform die es Menschen überall auf der Welt ermöglicht Wissen
auszutauschen, mit anderen Menschen zu kommunizieren, zu arbeiten oder zu
konkurrieren. Als Folge wird jede Arbeit und jede Dienstleistung die irgendwie
zerlegt und digitalisiert werden kann, heute vom besten und effizientesten
Anbieter durchgeführt wird, wo immer auf der Welt der sich befindet.
Wenn dass so ist, dann müssen wir uns im
Umkehrschluss fragen welche Arbeit für unsere heutigen Schüler morgen bleiben
wird, das heißt welche Arbeit man nicht ohne weiteres digitalisieren,
automatisieren oder outsourcen kann, und schließlich welche Kompetenzen
Voraussetzung derartiger Tätigkeiten sind. Das sind dann die Kompetenzen die
junge Menschen in einer globalen Wirtschaft weniger verwundbar machen und an der
sich die Relevanz von Schule messen lassen muss.
Hier brauchen wir einen grundlegenden
Diskurs über die für die Zukunft entscheidenden Kompetenzen, deren Definition,
Operationalisierung und schließlich deren systematischer Bewertung – wobei
kognitive Fähigkeiten sicher eine zentrale Dimension bilden, es aber ebenso um
Einstellungen, Motivation und Werte geht. Es geht auch um Transversalität und
die Anschlussfähigkeit von Wissen sowie um die Förderung reflektiver Denk- und
Handlungsprozesse. In der OECD gehen wir in diesem Zusammenhang von drei
Kategorien von Schlüsselkompetenzen aus denen wir für die Zukunft zentrale
Bedeutung beimessen:
-
Zunächst treten Menschen mit der Welt durch
kognitive, soziokulturelle und physische Medien und Mittel in Verbindung.
Die Art dieser Interaktion bestimmt, wie sie die Welt deuten und Kompetenzen
darin erwerben. Die interaktive Anwendung dieser Medien und Mittel eröffnet
neue Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen und mit ihr in Beziehung zu
treten. Die Fähigkeit diese Instrumente zu nutzen, um Wissen zu erwerben,
interaktiv zu verarbeiten, zu integrieren, zu bewerten und zu reflektieren
stand deswegen auch bei PISA an erster Stelle.
-
Das allein reicht aber für den Erfolg junger
Menschen nicht aus. Die Globalisierung ist heute nicht mehr primär eine
Frage der Interaktion von Staaten, wie in den vergangenen Jahrhunderten,
oder eine Frage der Interaktion multinationaler Unternehmen, wie in den
letzten Jahrzehnten, sondern sie wird zunehmend eine Frage wie sich der
Einzelne konstruktiv in die Wissensgesellschaft einbringen kann.
Voraussetzung dazu sind Kompetenzen, die es Menschen ermöglichen sich in
einer sich beständig verändernden Welt immer wieder neu zu positionieren,
eigenständig und verantwortungsbewusst zu Handeln, aktiv an verschiedenen
Lebensbereichen teilzunehmen und diese mitzugestalten; Kompetenzen, mit
denen junge Menschen ihre eigenen Pläne und Projekte in größere
Zusammenhänge stellen können, Rechte, Interessen, Grenzen und Bedürfnisse
erkennen und verantwortlich wahrnehmen.
-
Drittens müssen Menschen in der Lage sein,
gute und tragfähige Beziehungen aufzubauen, zu kooperieren und in Teams zu
arbeiten, mit Konflikten umzugehen und sie zu lösen, sich in
multikulturellen/pluralistischen Gesellschaften konstruktiv einzubringen.
Die zunehmende Heterogenität ist schließlich nicht das Problem sondern das
Potenzial der Wissensgesellschaft.
Natürlich müssen sich derartige normative
Festlegungen an ihren vielfältigen Implikationen in der Wirklichkeit messen. Ich
werde mich dazu hier vereinfachend auf ihre Implikationen in der modernen
Arbeitswelt beschränken:
Im Bereich der ersten der drei oben
genannten Kompetenzklassen legen wir in unseren Schulen traditionell großes
Gewicht auf analytische Fähigkeiten, mit denen fachliche Probleme zerlegt und
dann gelöst werden. Auf der anderen Seite wird immer deutlicher, dass die großen
Durchbrüche und Paradigmenwechsel heute meist dann entstehen, wenn es gelingt
verschiedene Aspekte oder Wissensgebiete, zwischen denen Beziehungen zunächst
nicht offensichtlich sind, zu synthetisieren. Denken Sie an den Sozialarbeiter
in der Schule, oder an die Computerspezialisten die heute das menschliche Genom
systematisieren und gemeinsam mit Pharmaunternehmen die gewonnenen Erkenntnisse
in neue Medikamente umzusetzen. Die Fähigkeit zur Synthese verschiedener Gebiete
wird also an Bedeutung gewinnen, da sie sich nicht ohne weiteres digitalisieren
oder automatisieren lässt. Je komplexer unsere Arbeitswelt wird, und je mehr der
Umfang kodifizierten Wissens zunimmt, umso mehr werden außerdem Menschen an
Bedeutung gewinnen, die die Komplexität nicht nur verstehen, sondern
gleichzeitig in die Sprache anderer Fachgebiete übersetzen können und damit für
Menschen anderer Fachrichtungen und oft im lokalen Kontext verständlich machen
können. Dazu gehört wesentlich auch die Fähigkeit, Informationen sinnvoll zu
filtern, relevante Informationen von weniger relevanter Information zu
unterscheiden, und so fort.
Im Bereich der zweiten Kompetenzklasse kann
man beobachten, dass in unserer Gesellschaft nicht mehr Generalisten oder
Spezialisten die entscheidende Rolle spielen werden, sondern Menschen die
zwischen diesen beiden Ebenen vermitteln können. Natürlich behalten
Generalisten, die einen weiten Wissensbereich überschauen und entsprechend
transversal agieren können, ihre Bedeutung. Auch Spezialisten die vertieftes
Wissen über einen begrenzten Bereich besitzen, werden innerhalb ihrer Profession
weiterhin Anerkennung finden. In einer komplexen sich veränderten Welt kommt es
jedoch zunehmend auf die Fähigkeit an, sich vertieftes Fachwissen in neuen
Zusammenhängen zu erwerben, den eigenen Horizont durch lebensbegleitendes Lernen
beständig zu erweitern, neue Rollen einzunehmen und sich ständig neu zu
positionieren.
Vor diesem Hintergrund muss auch der Erfolg
der deutschen Berufsausbildung neu bewertet werden. Die duale Berufsausbildung
als Alternative zur akademischen Ausbildung genießt international hohe
Anerkennung für die wirksame Integration junger Menschen in den Arbeitsmarkt.
Jedoch steht dem Erfolg des Dualen Systems zu Beginn des Arbeitslebens ein
stetig wachsendes Arbeitslosigkeitsrisiko in späteren Lebensjahren gegenüber.
Offenbar gelingt es den Absolventen dieses Bildungsweges weniger, sich später
den rasch wandelnden Anforderungen der Arbeitswelt anzupassen. Das ist ja auch
nahe liegend: Das Gehalt dass Sie von Ihrem Arbeitgeber bekommen, spiegelt
sowohl ihre transversalen wie auch arbeitsplatzspezifischen Fähigkeiten wieder.
Wenn Sie Ihren Arbeitsplatz wechseln, zum Beispiel weil Ihr Arbeitsplatz nach
Osteuropa wandert, dann finden Sie schnell heraus was ihre transversalen und
spezifischen Fähigkeiten sind: Ihr neuer Arbeitgeber wird Ihnen nämlich nur ihre
transversalen Fähigkeiten vergüten, während spezielle Fähigkeiten die Sie
mitbringen, die aber an Ihrem neuen Arbeitsplatz nicht mehr zur Geltung kommen,
in Ihrem neuen Gehalt auch keinen Niederschlag finden.
Es wäre unverantwortlich einem Schüler heute
eine Arbeit auf Lebenszeit zu suggerieren. Je mehr Menschen heute
Eigenverantwortung für ihre Karriereplanung sowie wirtschaftliche und soziale
Absicherung übernehmen müssen, umso mehr müssen wir von modernen
Bildungseinrichtungen erwarten, dass sie die Fähigkeit zur Veränderung stärken
und als Grundlage dafür das Lernen lernen. Daran müssen wir die Leistungen von
Schülern und Schulen messen.
4.
Radikales Umdenken in der Organisation von Schule
Viertens erfordert individuelle Förderung
radikales Umdenken in der Organisation von Schule, in einer Art und Weise die
den individuellen Lernfortschritt in den Mittelpunkt stellt. Das bedeutet den
Übergang von einem Lehrer- und Schulzentrierten Bildungssystem zu einem
Bildungssystem zu finden, wo Lehrer und andere Professionen gemeinsam arbeiten
um Schüler in heterogenen Lerngruppen individuell zu fördern. Das heißt, dass
das gesamte Schulgeschehen auf die Bedürfnisse der Schüler zugeschnitten ist,
dass Lehrer die Zeit und die organisatorischen Möglichkeiten haben, wirklich
herauszufinden wo die Stärken, Schwächen und Interessen der einzelnen Schüler
liegen, und wo die Sichtweise der Schüler wirksam eingesetzt wird um
Unterrichtsqualität und die Lernumgebung in Schulen zu verbessern.
Klar ist, eine systemisch verankerte, tief
greifende Verbesserung der Qualität des Unterrichts erreichen wir nicht durch
neue Konzepte oder mehr Vorgaben, sondern durch die Schaffung von wirksamen
Anreiz- und Unterstützungssystemen, die Lehrern und Schulen helfen, voneinander
und miteinander zu lernen, die Schülern, Lehrern und Schulen Perspektiven für
Entwicklung bieten und in denen auf Vielfalt nicht mit institutioneller
Fragmentierung geantwortet wird, sondern durch einem konstruktiven Umgang mit
Vielfalt.
Wir legen im traditionellen Schulsystem ja
immer genau fest, was wann wo und wie zu unterrichten ist und mit den Lehrplänen
für die 4 Schulformen in den 16 Bundesländern könnten Sie hier wohl den ganzen
Raum tapezieren. Wenn Sie heute nach Finnland schauen, werden Sie sehen dass
dort 100 Seiten ausreichen, um festzulegen was Schüler können müssen. Und der
Unterschied hier ist wichtig: Dort wird nicht festgelegt, was Schulen tun
müssen, sondern was das Ergebnis ihrer Anstrengungen sein soll, und dieses
Ergebnis wird dann anhand vielfältiger Evaluationsmaßnahmen regelmäßig bewertet.
Es wird immer deutlicher dass angesichts der
wachsenden Komplexität moderner Bildungssysteme auch die beste
Bildungsministerin nicht die Probleme von zigtausenden Schülern und Lehrern
lösen kann. Wohl aber können zigtausende Schüler und Lehrer die Probleme des
einen Bildungssystems lösen, wenn sie vernetzt an der Lösung der Probleme
arbeiten. Genau das ist ja, was die Wissensgesellschaft ausmacht und dafür
müssen moderne Bildungssysteme die Grundlagen schaffen.
Dazu gehört auch, über die Nutzung von
Ressourcen in den Schulen neu nachdenken:
Wir sehen z.B. dass in vielen der erfolgreichen Bildungssysteme die Schule für
die Lehrer nicht nur der Ort zum Unterrichten ist, der anschließend möglichst
schnell verlassen wird, sondern dass die Lehrer in diesen Ländern den Großteil
Ihrer Arbeitszeit in der Schule verbringen, und Planungs- und Korrekturarbeiten
im engen Austausch mit Ihren Kollegen verrichten. Wir müssen uns auch fragen, ob
eine Deutschklasse wirklich immer genauso groß sein muss wie eine
Mathematikklasse, oder ob wir neue Technologien nicht intelligenter integrieren
können, und zwar indem wir sie nicht nur nutzen um den normalen Unterricht
durchzuführen, sondern als Instrument um das pädagogische Repertoire zu
erweitern und wirklich individualisierte Lernformen zu fördern. Es geht hier ja
nicht primär um die Nutzung von Hardware, sondern darum, dass junge Menschen
lernen komplexe Informationsstrukturen zu verstehen, an Informationsnetzwerken
wirksam teilzunehmen, und Probleme dynamisch zu lösen. Neue Technologien können
uns völlig neue Perspektiven eröffnen:
-
Sie schaffen
authentische Kontexte die viel spannender sind als unsere langweiligen
Schulbücher und wecken damit Interesse unter den Schülern.
-
Sie können
virtuelle Gemeinschaften innerhalb aber auch zwischen Schulen schaffen,
nicht nur für Schüler sondern auch für Lehrer und anderes Personal. Fangen
Sie doch damit an die heute ausgezeichneten Preisträger zu vernetzen.
-
Sie bieten eine
Plattform, in der Schüler mit verschiedenen Interessen und Fähigkeiten ihre
Perspektiven austauschen können, und sie ermögliche peer support und
benchmarking.
-
Sie erlauben uns,
neue Fähigkeiten zu entwickeln und Lehrmaterialien „just in time“ ins
Unterrichtsgeschehen zu integrieren.
Natürlich bleibt auch hier viel zu tun, noch immer ist das Angebot an guten
digitalen Lernmedien begrenzt, auch an pädagogischer und technischer
Unterstützung mangelt es vielerorts, aber wir dürfen unter all diesen Problemen
mit denen wir uns tagtäglich herumschlagen die längerfristigen Perspektiven
nicht vergessen. Auch hier gilt: Andere Bereiche unserer Gesellschaft haben neue
Technologien schneller und konstruktiver aufgenommen als das im Bildungssektor
der Fall war. In der Zeit in der die Schulpflicht eingeführt wurde, war die
Schule in der Regel der erste Ort wo die Kinder ein Buch in die Hand bekamen. Da
muss es doch verwundern dass in der heutigen Zeit die Schule nicht der zentrale
Ort ist, an denen junge Menschen lernen mit neuen Technologien umzugehen. Und
natürlich gilt das genauso für die Lehrer, je mehr Routinearbeit neue
Technologien hier übernehmen, umso mehr werden die interessanten Aspekte der
Lehrerarbeit dominieren, und sich mehr Effizienz auch in besserer Bezahlung
niederschlagen.
Aber neue Technologien sind natürlich nur
ein Aspekt des radikalen Umdenkens das wir brauchen. Wir müssen uns auch mit
schwierigen Themen auseinander setzen: Für den Schüler in Deutschland, der
Bildungsziele verfehlt, sind die Konsequenzen meist klar – der bleibt sitzen.
Und es gibt wenige Länder wo der Anteil von Sitzenbleibern größer ist als in
Deutschland. Dagegen gibt es nichts wie eine übergreifende „Produkthaftung“ der
Schule oder des Bildungssystems für seine Leistungen insgesamt. Ja im Gegenteil,
wir bezahlen die Schule sogar noch für die Sitzenbleiber anstatt die Gelder in
individuelle Fördermaßnahmen zu stecken. Dieser Unsinn ist ziemlich teuer, denn
volkswirtschaftlich gerechnet kostet ein Jahr Sitzenbleiben für einen Schüler
die Gesellschaft zwischen 15,000 und 18,000 Euro, wenn Sie über die direkten
Kosten die Ministerin Sommer bezahlen muss einmal einbeziehen, dass dieser
Schüler ein Jahr weniger Steuern zahlen wird, und so fort. Das entscheidende
aber ist, dass die Wissenschaft klar belegt dass Sitzenbleiben für den einzelnen
Schüler keinen Leistungsgewinn bringt sondern die Probleme nur um ein Jahr
verschiebt.
Dass dies so nicht sein muss, zeigen die
leistungsstärksten PISA-Staaten, in denen es Aufgabe der Schule ist, konstruktiv
und individuell mit Leistungsunterschieden umzugehen, das heißt sowohl Schwächen
und Benachteiligungen auszugleichen als auch Talente zu finden und zu fördern -
und zwar ohne dass die Möglichkeit bestünde, die Verantwortung allein auf die
Lernenden zu schieben, das heißt etwa Schüler den Jahrgang wiederholen zu lassen
oder sie in Bildungsgänge bzw. Schulformen mit geringeren Leistungsanforderungen
zu transferieren. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang klarstellen: Wer daraus
schließt, dass erst die Schulstruktur geändert werden muss bevor es besseren
Unterricht geben kann, der hat die OECD-Studien falsch verstanden. Wer die
Ergebnisse unserer Arbeit aber so interpretiert, dass das gegliederte
Schulsystem wesentlich mitverantwortlich für viele der aufgezeigten Probleme
ist, indem es insbesondere Chancenungerechtigkeit im Bildungssystem tendenziell
verstärkt, und wer daraus schließt das sich eine nachhaltige Verbesserung von
Bildungsqualität und Chancengerechtigkeit langfristig nur im Einklang mit einer
Reform der Bildungsstrukturen erreichen lässt, der hat uns richtig verstanden.
Individuelle Förderung und Sitzenbleiben, individuelle Förderung und das
Verschieben von Verantwortung zwischen den Schulformen des gegliederten Systems
lassen sich schwer vereinbaren.
Auch die Sicht nach außen spielt eine
wichtige Rolle, und hier als zentrales Instrument der Vergleich. Wenn wir über
Schulleistungsvergleiche reden, denken wir immer gleich an Rankings und nehmen
dann oft eine ablehnende Haltung ein. Aber die in dem Vergleich liegenden
Chancen sind doch um so vieles größer, Vergleiche schaffen uns die Möglichkeit
über die Optimierung des eigenen Unterrichts, der eigenen Schule hinauszudenken
und auf Alternativen zu schauen die außerhalb unseres eigenen
Erfahrungshorizontes liegen. Fragen wir uns doch einmal, was wir als Eltern
wirklich über das wissen, was und wie unsere Kinder lernen? Wie profitiert ein
Lehrer im Klassenzimmer von den Erfahrungen des Lehrers im Nachbarklassenzimmer?
Was weiß die Schule von dem, wie es die Nachbarschule macht und wie sie mit
vielleicht ähnlichen Problemen umgeht? Und wo könnten wir heute stehen, wenn
eine Stadt wie Essen, wirklich wüsste, was ihre Bildungseinrichtungen wissen,
seien es die Schulen, Kindergärten, Einrichtungen der Jugendhilfe und so fort.
Das heißt, wenn wir das Kapital in den Köpfen der Menschen, die mit Bildung
befasst sind, wirksam vernetzen und optimal nutzen könnten. Davon sind wir oft
noch weit entfernt. Oft ist der Kindergarten oder die Schule für Eltern eine „black
box“, wir reden von aktiver Mitarbeit der Eltern, schaffen dafür aber wenig
Raum. Oft stehen die Lehrer als Einzelkämpfer vor den Problemen im
Klassenzimmer. Oft bekommen die Schulen wenig Unterstützung und wenig
Informationen über die Wirkungen ihres Handelns.
Überspitzt formuliert, wir gehen mit Schulen
wie mit einem Futtersilo um: Jedes Jahr packen wir oben ein paar neue
Reformideen drauf; dazwischen liegen dann, Schicht für Schicht übereinander, all
die angefangenen und unvollendeten Reformen der letzten 10-15 Jahre, solange wie
wir eben brauchen um von didaktischen Vorgaben in der Lehrerausbildung bis zur
Umsetzung in den Schulen zu kommen; und unten werden dann die Schüler, Lehrer
und Schulen mit einem Sammelsurium von Maßnahmen und Bestimmungen konfrontiert
die letztlich keiner mehr einordnen und überschauen kann, und für die sich
letztlich auch niemand mehr verantwortlich fühlt. Bildungsreformen werden nur
dann Erfolg haben, wenn sie in eine langfristige strategische Perspektive
eingebettet sind, nur wenn wir wissen wo wir im Jahre 2020 stehen wollen, können
wir sinnvoll entscheiden was wir heute, morgen und in einigen Jahren tun können.
Die Zukunft liegt darin, eine
„wissensreiche“ Lernumgebung zu schaffen. Sicherlich leisten Schulen bei der
Vermittlung von Wissen oft gute Arbeit– von den von PISA aufgezeigten Defiziten
vielleicht mal abgesehen, aber darauf will ich hier gar nicht hinaus. Aber die
Frage, die ich stellen möchte ist, wie weit wir Wissen selbst als primäre
Ressource, als Motor für Entwicklung und Innovation im Bildungssystem einsetzen,
so wie das in vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft und der Wirtschaft
selbstverständlich ist. Die Frage, wie wirkungsvoll wir in der Schule zum
Beispiel Lehrpläne, Standards, Rückmelde- und Unterstützungssysteme verknüpfen,
wie weit die Lehrenden eingebunden sind in den Prozess der Entwicklung und
informiert sind über die Wirkungen ihres Handelns. Dieses Arbeitsumfeld können
wir kurzfristig mit der klaren Gestaltung von Bildungszielen und längerfristig
durch eine stärkere Professionalisierung der Einrichtungen gestalten.
Es gibt kaum ein Unternehmen, das einen so
hohen Anteil hoch qualifizierter Menschen beschäftigt wie das Bildungssystem.
Aber oft nutzen wir das Potenzial das in qualifizierten und motivierten Lehrern
steckt, bloß zur Vermittlung von Wissen, nicht aber als zentrale gestaltende
Kraft im Bildungssystem, und nur dann lässt sich individuelle Förderung
realisieren. Stellen Sie sich einen Chirurg und einen Lehrer aus den sechziger
Jahren vor die eine Zeitreise in unsere Gesellschaft machen. Der Chirurg, der zu
seiner Zeit mit dem im Studium erarbeiteten Wissen und einem Koffer mit
Instrumenten als Einzelperson erfolgreich sein konnte, ist im Jahr 2006 in eine
sich dynamisch entwickelnde Profession eingebettet mit der er im ständigen
Austausch steht, und die ihm mehr bedeutet als das Krankenhaus in dem er
arbeitet. Er wirk konfrontiert mit einem hoch technologisierten Arbeitsplatz an
dem er seine Arbeit nur als Teil eines komplexen Teams bewältigen kann. Der
Chirurg wird schnell zu der Erkenntnis kommen, dass ein Zeitsprung von einem
halben Jahrhundert ihn völlig abgehängt hat. Und der Lehrer? Er findet sich
vielleicht noch heute zurecht, weil sich seine Arbeitsumgebung nicht grundlegend
geändert hat.
5. Synergien
nutzen
Bei Punkt Fünf geht es darum, dass das
Umfeld der Schule, ob das jetzt Kindergärten, die Jugendhilfe oder sonstige
kommunale Einrichtungen sind, die Schule in ihren Anstrengungen unterstützt,
anstatt konkurrierende Angebote zu schaffen.
Finnland ist auch hier ein spannendes
Beispiel. In den 60er Jahren sah das finnische Schulsystem ganz ähnlich wie das
Deutsche aus. Es gab alle möglichen kommunalen Einrichtungen die sich mit
Bildung beschäftigten, das Schulsystem war streng gegliedert, es gab
Sonderschulen, eine Schulaufsicht und so fort. Und die Schülerleistungen waren
im internationalen Vergleich Mittelmaß. In der Praxis hieß es, dass es immer
schön einfach war Verantwortung abzuwälzen. Der Lehrer im Gymnasium konnte sich
sagen, ich mache den richtigen Unterricht, habe aber die falschen Schüler die
eigentlich in die Hauptschule gehören, die Schule konnte sagen, „wir können hier
nicht die Probleme der Gesellschaft lösen“ und verweisen an die Jugendhilfe. Und
so fort. Ein zentraler Gesichtspunkt der Reformen in den 70er und 80er Jahren in
Finnland war, schrittweise die Verantwortung für den Lernerfolg auf den Lehrer
und die Schule zu verlagern, diese bei ihrer Arbeit aber dann auch entsprechend
zu unterstützen. Man hat dazu die Kindergärten in die Schulen eingebunden, die
verschiedenen Schulformen abgeschafft, auch die Sonderschulen, und als man
gesehen hat dass die Schulaufsicht nicht davon lassen konnte lange Mängellisten
aufzustellen anstatt die Schulen wirksam bei ihrer Arbeit zu unterstützen, hat
man die auch noch abgeschafft.
Schluss
Natürlich stellt die Umsetzung dieser fünf
Punkte hohe Ansprüche an alle Beteiligten. Klar ist auch, das Schulen dabei oft
vor Widersprüchen stehen:
-
Wir erwarten von ihnen Innovation und
Flexibilität und verschaffen ihnen dazu auch wachsende Freiräume für die
Gestaltung der Lernumgebung. Auf der anderen Seite aber erwarten wir
Verlässlichkeit in den Ergebnissen, wollen jeden Schritt evaluieren, und
wollen als Eltern für unsere eigenen Kinder auch keine Risiken eingehen.
-
Wir machen große Anstrengungen um Lernen zu
individualisieren, durch neue Unterrichtsformen und vielfältigere
Bildungswege, auf der anderen Seite müssen sich moderne
Bildungseinrichtungen aber als vernetzte Lernorganisationen entwickeln und
Chancengerechtigkeit sichern.
-
Wir betonen die
Rolle interpersoneller Kompetenzen, was aber in den Zeugnissen auftaucht ist
in der Regel nur die Zertifizierung der Einzelleistungen von Schülern.
-
Wir bewerten die
Ergebnisse von Bildungsprozessen zunehmend anhand kognitiver Leistungen, auf
der anderen Seite haben Eltern heute wachsende Erwartungen an Schulen die
weit über kognitives Lernen hinausgehen.
Das entscheidende ist jedoch, dass der
internationale Vergleich uns zeigt, dass die Probleme lösbar sind und Schulen
diesen Herausforderungen gerecht werden können. Das beeindruckende an Finnland
oder Kanada ist ja nicht nur die Gesamtleistung, sondern dass dort fast alle
Schüler und Schulen gute Leistungen bringen.
Und jetzt kommen Sie mir nicht mit dem oft
so beliebten Argument, das alles geht mit den heutigen Lehrern nicht, und wir
müssen erst die Lehrerausbildung ändern, bevor sich irgendetwas in den Schulen
ändert. In den siebziger Jahren stellte Nokia, die Mobiltelefonfirma im
PISA-Siegerstaat Finnland, noch Gummistiefel her. Was meinen Sie, wo die heute
stünden, wenn man sich damals gesagt hätte, wir würden gerne im Bereich
Hochtechnologie arbeiten, aber unsere Ingenieure können das nicht. Deshalb
müssen wir erst einmal warten, bis unsere Ingenieure in Pension sind, dann
müssen wir neue Ingenieure ausbilden, und wenn die dann irgendwann einmal in
unser Unternehmen kommen, dann werden wir mal etwas Neues machen.
Wir müssen das Bildungssystem nicht für die
Lehrer verändern, sondern mit ihnen, und da gibt es viele hoch motivierte
Menschen, die ein Arbeitsumfeld brauchen, das Perspektiven für Entwicklung und
Kreativität bietet. Ein Arbeitsumfeld, in dem die Schule Lernorganisation wird,
mit einem professionellen Management, das sich durch interne Kooperation und
Kommunikation, etwa in den Feldern strategische Planung, Qualitätsmanagement,
Selbstevaluation und Weiterbildung auszeichnet, aber auch durch Dialog nach
außen mit den verschiedenen Interessengruppen, vor allem mit den Eltern. Ein
Arbeitsumfeld, dessen Attraktivität und Ansehen nicht allein auf dem
Beamtenstatus beruht, sondern auf Kreativität, Innovation und Verantwortung, ein
Arbeitsumfeld, das sich durch mehr Differenzierung im Aufgabenbereich, bessere
Karriereaussichten, eine Stärkung der Verbindungen zu anderen Berufsfeldern,
mehr Verantwortung für Lernergebnisse und bessere Unterstützungssysteme
auszeichnet.
Vieles an Reformen ist auf den Weg gebracht,
darauf können weitere Anstrengungen aufbauen. Aber um international den
Anschluss zu finden muss man glaube ich auch den Mut aufbringen, über die
Binnenoptimierung des bestehenden Bildungssystems hinaus, über die langfristige
Transformation der dem bestehenden Bildungssystem zugrunde liegenden Paradigmen
nachzudenken.
Das Erfolg möglich ist, nicht nur in
Finnland, Kanada oder Japan sondern mitten in Deutschland, das haben uns heute
die Preisträger gezeigt. Diese Erfolge sichtbar zu machen, weiter zu fördern und
systemisch zu vernetzen wird eine wichtige Aufgabe sein. Letztendlich wird sich
Bildungspolitik aber nicht an dem Erfolg einzelner Bildungseinrichtungen messen
lassen, sondern an dem Gesamtergebnis der Bildungsleistungen, so wie wir sie im
Dezember dieses Jahres in der nächsten PISA-Studie bewerten werden.
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