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DIE ZEIT

22.11.2006

Nichts dazugelernt

Acht Fragen an Manfred Prenzel, Leiter des deutschen Teils der Schulstudie Pisa

Sie haben in einer Pisa-Zusatzstudie herausgefunden, dass 40 Prozent der Schüler in der zehnten Klasse nach einem Jahr nichts in Mathematik dazugelernt haben. In den Naturwissenschaften ist die Zahl noch höher. Hat Sie das überrascht?

Ja, denn ich gehe davon aus, dass ein Jahr Unterricht etwas bringen sollte.

Könnte es am Alter liegen? In der Pubertät setzt man halt andere Prioritäten.

Für viele geht es hier um den mittleren Abschluss. Und naiv sind unsere 15- und 16-Jährigen heute ja nicht mehr. Offensichtlich wissen sie, dass man nicht unbedingt die Mathematik verstehen muss, um einen Abschluss zu bekommen.

Wo sehen Sie die Ursache für das schlechte Ergebnis?

In einem Unterricht, der noch immer Routinen und schematisches Arbeiten betont. Wir unterrichten mit hohem Anspruch, nehmen viel Stoff durch und freuen uns, dass die Klassenarbeiten am Ende zufriedenstellend erledigt werden. Dass wir uns dabei in die Tasche lügen, zeigt sich bei Tests, die erfassen, was an Wissen und Verständnis tatsächlich erhalten bleibt. Das Lernen in der Schule ist kurzfristig angelegt und bleibt oberflächlich.

Sie haben den Unterricht unter die Lupe genommen. Wo bringt er das beste Ergebnis?

Als förderlich erweisen sich beispielsweise anspruchsvolle und vielfältige Aufgaben, die Argumentieren und Modellieren verlangen. Wichtig ist außerdem eine effektive Unterrichtsführung, die die verfügbare Zeit zum Lernen nutzt.

Nachdem 1997 die so genannte Tims-Studie die schlechten Mathematikkenntnisse der deutschen Schüler offenbarte, haben aber doch viele Lehrer ihren Unterricht umgestellt. Hat sich das nicht ausgewirkt?

Nicht ausreichend. Zwar machen viele engagierte Lehrkräfte im Modellprogramm Sinus zur Verbesserung des Mathematikunterrichts mit, aber es sind noch viel zu wenige.

80 Prozent der Lehrer haben laut Ihrer Studie keine Ahnung von zeitgemäßem Mathematikunterricht. Wie ist das möglich?

Offensichtlich war die Lehrerbildung bisher nicht sehr effektiv. Das gilt für alle Phasen, von der Universität bis zur Fortbildung.

Warum haben Sie die Hauptschulen aus der Studie ausgeklammert?

Ganz einfach: In den meisten Bundesländern enden die Hauptschulen mit der neunten Klasse. Wir wollten aber wissen, was Schülerinnen und Schüler in einem Jahr nach dem Pisa-Test dazulernen.

Haben Sie auch eine gute Nachricht?

Schulen mit vielen aktiven Lehrkräften erreichen bessere Ergebnisse. Und wir finden aktive Lehrkräfte vor allem an Schulen, die mit schlechten Bedingungen zu kämpfen haben.

Interview: Thomas Kerstan

 

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